https://www.medinside.ch/de/fake-news-in-der-sprechstunde-20260324
Fehlinformationen machen den Praxisalltag komplizierter. Der Onkologe Stephan Schobinger erklärt, wie Ärztinnen und Ärzte damit umgehen können – und welche Kommunikationsstrategien sich bewährt haben.
Eine aktuelle Umfrage unter 1’000 Ärztinnen und Ärzten in den USA zeigt, wie stark Misinformationen den Praxisalltag beeinflussen:
- 61 Prozent der Befragten berichten, dass ihre Patientinnen und Patienten im vergangenen Jahr durch Fehlinformation beeinflusst waren.
- 86 Prozent beobachten eine Zunahme in den letzten fünf Jahren.
- 57 Prozent sehen dadurch ihre Fähigkeit in Gefahr, qualitativ hochwertige Versorgung zu leisten.
- Gleichzeitig geben 40 Prozent an, keinerlei Vertrauen darin zu haben, dass ihre Patientinnen und Patienten selbst in der Lage sind, verlässliche Gesundheitsinformationen im Internet zu finden.
Für den Berner Onkologen Stephan Schobinger, Vorstandsmitglied der Patientenorganisation Eupati Schweiz, beginnt das Problem dort, wo sich Desinformationen fundamental von evidenzbasierter Medizin unterscheiden: «Fake News arbeiten mit Einzelfällen und überhöhten Erwartungen». Dabei gehe es vor allem um Versprechen, die nicht gehalten werden können.
Besonders problematisch ist laut Schobinger, dass viele Patientinnen und Patienten alternative Therapien nutzen, ohne dies mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt zu besprechen. Dahinter stehe oft die Sorge, nicht ernst genommen zu werden.
5 Tipps im Umgang mit Fake News
- Evidenz verständlich erklären: Klar machen, dass medizinische Entscheidungen auf mehreren geprüften Studien basieren – nicht auf Einzelfällen.
- Offen nachfragen: Aktiv ansprechen, ob Patientinnen und Patienten alternative Therapien nutzen – und diese ohne Vorverurteilung diskutieren.
- Falsche Annahmen korrigieren: Den Mythos «Nützt es nichts, so schadet es nichts» gezielt adressieren.
- Differenziert bleiben: Komplementärmedizin nicht pauschal ablehnen, sondern zwischen sinnvollen Ergänzungen und falschen Versprechen unterscheiden.
- Verständlich kommunizieren: Informationen in Alltagssprache vermitteln – als Grundlage für gemeinsame Entscheidungen und mehr Vertrauen.
Schobinger plädiert für Differenzierung statt pauschaler Ablehnung. Komplementäre Ansätze seien nicht grundsätzlich wirkungslos – entscheidend sei die Abgrenzung zu falschen Heilsversprechen. Eine offene Haltung könne helfen, Patientinnen und Patienten im Gespräch zu halten. Ein verbreitetes Narrativ weist Schobinger jedoch klar zurück: «Was sicher nicht stimmt, ist der oft gehörte Satz: Nützt es nichts, so schadet es nichts». Denn auch scheinbar harmlose Verfahren könnten Wechselwirkungen haben oder dazu führen, dass effektive Therapien an Wirksamkeit verlieren.
Gespräche auf Augenhöhe
Ein zentraler Hebel liegt für ihn in der Kommunikation. Viele medizinische Inhalte seien für Patientinnen und Patienten kaum verständlich. Schobinger plädiert deshalb auf vereinfachtes Infomaterial, das von medizinischen Laien gegengelesen wird. «So entsteht die Grundlage für Gespräche auf Augenhöhe».
Dass Patientinnen und Patienten zunehmend versuchen, sich Wissen selbst anzueignen – etwa mithilfe von KI, die Studien verständlicher macht – begrüsst Schobinger grundsätzlich. «Das kann eine Chance sein, um gemeinsam einen therapeutischen Weg zu finden, bei dem Vor- und Nachteile offen abgewogen werden».
Am Ende gehe es weniger um einzelne Falschinformationen als um ein Grundgefühl: «Je weniger sich Patientinnen und Patienten ausgeliefert fühlen, desto besser funktioniert die Behandlung – und desto stabiler ist die Arzt-Patienten-Beziehung».
«Lass dich nicht täuschen»
Eupati Schweiz ist Teil der europäischen Initiative European Patients’ Academy on Therapeutic Innovation. Der Verein wurde 2016 gegründet und setzt sich dafür ein, Patientinnen und Patienten stärker in die Arzneimittelforschung und -entwicklung einzubeziehen.
Mit der Kampagne «Lass dich nicht täuschen – Eupati gegen Fake News» möchte die Organisation vor den Gefahren von Fehlinformationen im Gesundheitswesen warnen. Ziel ist es, die Gesundheitskompetenz von Patientinnen und Patienten zu stärken.
